Ausbildungswege NRW – Über Umwege zum Traumjob
Landesprogramm Ausbildungswege NRW, gefördert aus Mitteln der Europäischen Union und des Landes Nordrhein-Westfalen
Ausbildungsinteressierte, aber noch unversorgte junge Menschen werden mit dem EU-geförderten Programm „Ausbildungswege NRW“ dabei unterstützt, einen Ausbildungsplatz zu finden. Zentraler Erfolgsfaktor ist das begleitende Coaching. Wie das gelingt, zeigt das Beispiel des angehenden Technischen Produktdesigners Latif Eser und seines Ausbildungsbetriebs in Leopoldshöhe.
Start eines neuen Lebensabschnitts
Für viele junge Menschen ist die Ausbildungssuche eine große Herausforderung. Oft wissen sie noch nicht genau, wo ihre Stärken und Interessen liegen, geschweige denn zu welchen Berufen diese passen könnten. Auf den 21-jährigen Latif Eser aus Bielefeld trifft das nicht zu. Was er kann und in welche berufliche Richtung er gehen möchte, wusste er schon als Schüler des Berufskollegs: Bautechnischer Assistent war damals sein Berufswunsch. Dennoch verlief sein Bildungsweg nicht so gradlinig, wie es zunächst den Anschein hatte.
Den Abschluss zum Bautechnischen Assistenten erreichte er nicht. Private Umstände verhinderten es. Mit dem verpassten Abschluss verlor er sein Ziel aus dem Blick. Es folgten verschiedene Aushilfsjobs im Einzelhandel. Zwar verdiente er sein eigenes Geld, „doch nichts davon war zielführend. Ich war total orientierungslos“, erinnert sich Latif Eser. Dass es so nicht weitergehen konnte, war auch seiner Familie bewusst. Also nahm ihn seine Mutter kurzerhand mit zur Jugendberufsagentur in Bielefeld, bei der sie einen Termin mit seiner Schwester hatte. „Ich wollte einfach nur einen Ausbildungsplatz, komme was wolle“, beschreibt Latif Eser seinen Gemütszustand vor diesem Termin. Genau dafür hatte seine Beraterin bei der Jugendberufsagentur, Daniela Mumm, die passende Lösung zur Hand: Das Programm Ausbildungswege NRW. Und noch besser war, dass genau an diesem Tag dort die „Woche der Ausbildung“ stattfand. Denn so traf Latif Eser gleich bei seinem ersten Berufsberatungstermin auf jemanden, der für seinen weiteren Weg noch eine wichtige Rolle spielen sollte – seinen Coach Erhan Caliskan.
Vertrauen als Schlüssel zum Neustart
Bei der jährlich stattfindenden „Woche der Ausbildung“ machen Arbeitsagenturen, Jobcenter und Jugendberufsagenturen gemeinsam auf die vielfältigen Möglichkeiten der Berufsausbildung aufmerksam. In der Aktionswoche können Jugendliche aus erster Hand Informationen für ihre berufliche Zukunft erhalten. Bei der Jugendberufsagentur in Bielefeld kommen in dieser Woche Beraterinnen und Berater aus verschiedenen Institutionen zusammen, „um die Abstimmungswege kurz zu halten“, erklärt Daniela Mumm und unterstreicht damit die gut funktionierende Zusammenarbeit der beteiligten Institutionen. Zu den regelmäßigen Gästen gehört auch Coach Erhan Caliskan vom Verein Berufliche Ausbildung und Qualifizierung Jugendlicher und Erwachsener (BAJ e. V.). Im Rahmen von Ausbildungswege NRW unterstützt er junge Menschen wie Latif Eser bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz oder einer anderen beruflichen Perspektive und hilft Unternehmen bei der Besetzung freier Ausbildungsstellen. „Das war genau das richtige Angebot für Latif Eser“, so die Beraterin der Jugendberufsagentur, die ihn beim ersten Kennenlernen direkt zu Coach Erhan Caliskan verwies.
Nach dem Erstgespräch, bei dem die Mutter noch dabei war, wollte der Coach noch einmal allein mit ihm sprechen, „um zu sehen, wie motiviert Latif wirklich ist“, sagt Erhan Caliskan. Im Vier-Augen-Gespräch beim Verein BAJ war dem Coach auf Anhieb klar: Latif Eser ist hochmotiviert. Aber er habe auch wahrgenommen, dass bei dem jungen Erwachsenen noch Herausforderungen bestanden. Deshalb ging es zunächst darum, eine gute Vertrauensbasis zwischen Coach und Coachee aufzubauen. „Wir haben viele private Gespräche geführt, um herauszufinden, warum er feststeckte. Hierbei spielten auch persönliche Umstände von Latif eine Rolle, die wir lösen konnten“, so Erhan Caliskan. Und das zeigte Wirkung: „Herr Caliskan hat mir direkt das Gefühl gegeben, dass er mir in meiner Situation helfen kann. Das hat mich befreit“, sagt Latif Eser. Mit der geschaffenen Vertrauensbasis und „freiem Kopf“ konnte die Suche nach dem passenden Ausbildungsberuf beginnen.
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Ein Umweg führt zum Ziel
Zunächst ging es darum, seine Bewerbungsunterlagen auf Vordermann zu bringen: Lebenslauf aktualisieren, Zeugnisse zusammenstellen und ein Bewerbungsanschreiben formulieren. Parallel bereitete Erhan Caliskan ihn auf Vorstellungsgespräche vor und unterstützte ihn bei der Stellenakquise. Naheliegend wäre es gewesen, die Richtung aus dem Berufskolleg weiterzuverfolgen. Stattdessen entschied er sich aber für ein Praktikum als Elektroniker. Er wollte bewusst etwas Neues ausprobieren. Nach dem Praktikum stellte er jedoch schnell fest: „Das war überhaupt nicht meins.“ Beim Praktikumsbetrieb hätte er zwar direkt in eine Ausbildung starten können, doch auch sein Coach merkte, dass es nicht das Richtige für ihn war. Also fragte er ihn, was er eigentlich wirklich wolle. Eine Frage, die ihn noch sehr beschäftigen sollte. Nicht nur ihn. Auch seine Freundin merkte, wie unglücklich er nach seinem Praktikum war. Um zu verhindern, dass er erneut in ein Loch fällt, ergriff sie die Initiative. In ihrer Freizeit begab sie sich selbst auf die Suche nach einem Beruf, der zur Persönlichkeit ihres Freundes passen könnte. Und kam dabei auf diese Lösung: eine Ausbildung zum Technischen Produktdesigner. Hierbei kämen seine Kreativität und sein räumliches Vorstellungsvermögen voll zur Geltung, so der Gedanke seiner Freundin.
Auch sein Coach hatte keine Zweifel, dass diese Berufswahl die richtige für ihn ist. „Seine Augen haben geglänzt, als er mir von seiner Idee erzählte.“ Alles Weitere nahm von da an schnell seinen Lauf. Das lag auch daran, dass der Verein BAJ gut mit Betrieben in der Region vernetzt ist. Zu dem Betrieb, bei dem sich der angehende Azubi bewerben sollte, hatte Erhan Caliskan schon vor einiger Zeit Kontakt. Daran erinnerte man sich bei der Spilker Precision International GmbH noch gut. Da passte es gut, dass das Unternehmen zu dem Zeitpunkt nach Azubis suchte.
Die Anpassung der Bewerbungsunterlagen und die Vorbereitung auf das Vorstellungsgespräch erledigte Latif Eser ohne weitere Hilfe. Denn dafür, so sein Coach, brauchte er ihn nicht. „Ich habe ihn losgelassen und er hat das super gemacht.“ Dennoch konnte er seinen Coach jederzeit um Rat bitten. Doch dazu kam es nicht. Latif Eser konnte den Betrieb schnell von sich überzeugen.
Mit Selbstvertrauen zum Ausbildungsplatz
„Herr Eser ist selbstbewusst aufgetreten – gut vorbereitet, offen und unaufgeregt“, beschreibt die Personalreferentin der Spilker Precision International GmbH, Sabine Strunk, ihren ersten Eindruck von Latif Eser beim Vorstellungsgespräch. Daher kam er direkt in den engeren Bewerberkreis. Auch in der zweiten Vorstellungsrunde mit praktischen Tests überzeugte Latif Eser. Danach war klar: Er bekommt den Ausbildungsplatz.
Seit gut einem halben Jahr absolviert der Azubi bei Spilker Precision International GmbH seine Ausbildung zum Technischen Produktdesigner. Als spezialisierter Anbieter von Werkzeugen und Maschinen für rotative Verarbeitungsprozesse deckt Spilker das gesamte Spektrum vom einzelnen Stanzblech über eine breite Produktpalette rotativer Werkzeuge bis hin zu komplexen Rotationsmaschinen mit integrierter Automatisierungstechnik ab. Entsprechend hoch sind die Ansprüche an die Auszubildenden. „Als Spezialanbieter gibt es bei uns viele unterschiedliche Anwendungen und weniger abgegrenzte Teilbereiche im Vergleich zu großen Serienbetrieben. Deshalb trauen wir unseren Azubis von Anfang an viel zu“, sagt Sabine Strunk. Die Vielseitigkeit der Ausbildung und das Vertrauen seines Ausbilders lassen bei Latif Eser keine Zweifel daran aufkommen, dass er sich für den richtigen Beruf und Ausbildungsbetrieb entschieden hat. „Eintönige Aufgaben gibt es hier nicht. Ich gehe häufig zu den Kollegen aus der Fertigung und kann sehen, wie das Produkt, das wir am PC designen, dann hergestellt wird.“ Auch im Betrieb ist man froh, das junge Talent gewonnen zu haben. „Wir machen sehr gute Fortschritte mit Latif. Da gibt es überhaupt nichts auszusetzen“, freut sich Waldemar Horst, Ausbilder für Technische Produktdesigner. Dass er sich inzwischen in so einer Situation befinde, verdanke er, so der Azubi, neben seinem Coach vor allem einer Person: „Ohne den persönlichen Einsatz meiner Freundin wäre ich heute nicht in dieser Ausbildung. Sie hat nicht nur den Beruf für mich entdeckt, sie hat mich sogar zu beiden Vorstellungsgesprächen gefahren.“
Für den angehenden Technischen Produktdesigner hat sich Ausbildungswege NRW ausgezahlt. Aber auch Spilker profitiert von dem Programm, das als kleines Nischenunternehmen nicht breit bekannt ist. Da Spilker unter anderem Zerspanungsmechanikerinnen und -mechaniker ausbildet, stehen Coach Erhan Caliskan und die Personalreferentin inzwischen in engem Kontakt. So können sie bei Bedarf künftig kurzfristig vermitteln. Nach seiner Ausbildung hat Latif Eser gute Perspektiven, bei Spilker weiterzuarbeiten – ganz nach dem Prinzip: „Wir bilden hauptsächlich für den Eigenbedarf aus.“ Ein gelungenes Beispiel dafür, wie Ausbildungswege NRW junge Menschen und Betriebe erfolgreich zusammenbringt.